Die Metamorphosen der Seele oder: die Möglichkeit zur Freiheit

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In den Jenaer Manuskripten von 1805/6 findet sich eine Randbemerkung, die durchaus als programmatische Äußerung Hegels zu lesen ist: „der Mensch wird nicht Meister über die Natur, bis er es über sich selbst geworden ist.“ Erst wenn der Mensch sich selbst begriffen hat, wird er nach Hegel imstande sein, angemessen mit der Natur umzugehen. Betrachten wir aber den gegenwärtigen Umgang des Menschen mit der Natur, müssen wir notwendiger-weise zu dem Schluß kommen, daß der Begriff des Menschen für unser Denken noch ein Jenseits darstellt. Allein aus diesem Grund ist es lohnenswert, sich mit Hegel zu beschäftigen und seine Position etwas näher zu beleuchten. Denn was bei Hegel als der Begriff der Wahrheit ins Gesichtsfeld tritt, ist nichts anderes als der Begriff des Menschen. Wenn wir uns darüber verständigen können, daß die Philosophie die Darstellung der Wahrheit ist, dann ist sie nach Hegel wesentlich die Darstellung des Menschen: „In der Darstellung der Wahrheit ist vielmehr wesentlich vorgestellt die auseinandergelegte Geschichte dessen, was der Mensch ist.“ Die Geschichte philosophisch, d.h. spekulativ gelesen, bestimmt sich für Hegel so als Prozeß der Bewußtwerdung des Menschen in dem er seinen Begriff gewinnt. Unerkannt, unbegriffen, ist der Begriff des Menschen nur sein Schicksal, eben dies „von dem man nicht weiß, was es tue“. Der Begriff, eben weil er der Begriff des Menschen ist, ist nicht ein Jenseitiges, Unerreich-bares, wie es sich für Kant, für das verständige Denken darstellt, welches in der Entzweiung haust, sondern „das Innere, das Ansich, aber noch nicht in Existenz getreten“. Um seinen Begriff zu erkennen, muß dieser ihm gegenständlich werden, “was an sich ist, muß dem Menschen zum Gegenstand werden.“ Dies aber geschieht durch Arbeit. In der gesellschaftlichen Arbeit gibt der Mensch sich gegenständliches Dasein, und in seinem Werk , seiner Wirklichkeit, tritt er sich selbst gegenüber. „…denn der Geist ist das Wissen seiner selbst in seiner Entäußerung“ Tatsächlich rückt der ‚Idealist’ Hegel schon lange vor dem ‚Materialisten‘ Marx die bewußtseinsbildende Rolle der Arbeit ins Zentrum der Betrachtung, indem er den Zusammenhang von Arbeit und Selbstbewußtsein rekonstruiert. Der Mensch ist an sich vernünftig, aber so ist es nur eine Möglichkeit. Was er an sich ist, muß für ihn werden und dieses Werden der Vernunft, dieser „Besitz an selbstbewußter Vernünftigkeit, welcher uns, der jetzigen Welt angehört….ist das Resultat der Arbeit, und zwar der Arbeit aller vorhergegangenen Generationen des Menschen-geschlechts.“ Die Weltgeschichte ist die Auslegung des Geistes in der Zeit. Diese Geschichte der Bewußtwerdung ist für uns dementsprechend gegenwärtig im Geist der Zeit, d.h. im Wissen, in der Bildung der Zeit, denn “die Momente, die der Geist hinter sich zu haben scheint, hat er auch in seiner gegenwärtigen Tiefe“, der Geist, der als solcher die „unorganische Substanz der Individuen“ ist. Hegels Ansatz zielt darauf, den Menschen als sittliches d.h. gesellschaft-liches Individuum zu rekonstruieren. Dementsprechend rekonstruiert Hegel den Prozess der Selbsterkenntnis, als gesellschaftlichen Prozeß. Mit dem Begriff der Seele bezeichnet Hegel den Ausgangspunkt dieser Bewegung des Geistes. Die Seele ist nach Hegel der ‚existierende Begriff’. Hegel sieht den Schlüssel zu einer dem Begriff des Menschen gemäßen Gesellschaft nicht in der Domestizierung des Einzelnen durch Moralität, Ethik etc. durch Beschränkung des freien Willens, sondern dadurch, daß er zum Bewußtsein seiner wahren Natur kommt. In diesem Konzept gewinnt der Begriff der Anerkennung existenzielle Bedeutung. Den nun begreife ich den Anderen nicht mehr als Begrenzung meiner Freiheit, sondern als Voraussetzung meiner menschlichen Existenz. Die Philosophie bestimmt sich deshalb als die ‚Erinnerung‘ an die ursprüngliche Natur des Menschen‘